Blind Spot: Erinnerung

Zwischen dem Tatgeschehen und der deutschen Erinnerungskultur zeigt sich mit Blick auf den Holocaust in der Ukraine und in anderen Teilen der Sowjetunion eine enorme Diskrepanz. Etwa die Hälfte der 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Einheiten und ihren Helfern ermordet wurden, fielen dem „Holocaust by bullets“ in der besetzten Sowjetunion zum Opfer. Allein auf dem Gebiet der heutigen Ukraine wurden 1,5 Millionen Menschen, und damit jede(r) Vierte, umgebracht. Trotzdem kam dieser Verbrechenskomplex lange Zeit kaum in der kollektiven Erinnerung – weder innerhalb der jüdischen Gemeinschaft noch in der nichtjüdischen Umgebungsgesellschaft – vor.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erfuhr in den 1990er Jahren massive Veränderungen, die auch auf das Erinnern zurückwirkten: Mit der Migration der postsowjetischen Jüdinnen und Juden ist eine andere kollektive Erinnerung eingezogen, die nicht den Holocaust, sondern den Sieg der Sowjetunion im „Großen Vaterländischen Krieg“ in den Mittelpunkt stellt. Die Differenz der Erinnerungen führte bis in die 2000er Jahre zu Konflikten in den jüdischen Gemeinden: Während dort am 9. November der Reichspogromnacht 1938 und der jüdischen Opfer des Holocaust gedacht wurde, begingen die eingewanderten Jüdinnen und Juden mit dem Gedenktag am 9. Mai das Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“, der an die Millionen Kriegstoten erinnerte und die Veteranen der Roten Armee ehrte.

Die nichtjüdische deutsche Umgebungsgesellschaft nahm diese Umbrüche kaum zur Kenntnis. In der offiziellen Erinnerungskultur kommen der „Holocaust by bullets“ und seine Opfer nach wie vor kaum vor. Erinnerungskulturell und -politisch verhandelt wird das Thema vor allem von deutsch-jüdischen, russischsprachigen Schriftstellerinnen, Künstlern, Musikerinnen und Politikern. Der flächendeckende Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine hat dazu geführt, dass sich der Blick verstärkt auf das Land und die Verbrechen richtet, die NS-Deutschland dort 80 Jahre zuvor begangen haben.

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