Glossar: Tatorte

Die folgenden Texte geben einen Überblick über die im Dossier – in den Interviews, den Texten oder in Form von Fotos – genannten Tatorte. Die Kurztexte liefern wichtige Hintergrundinformationen, die für das Verständnis der Materialien unerlässlich sind. Weder erheben sie Anspruch auf Vollständigkeit, noch bilden sie in der Summe das Tatgeschehen in seiner ganzen Komplexität und Grausamkeit ab. Dafür sei an dieser Stelle verwiesen auf das Angebot von dekoder in Kooperation mit der Universität Heidelberg: Karte der NS-Verbrechen – work in progress | дekoder

Bildunterschrift Karte (Karte erstellt mit Leaflet © OpenStreetMap contributors)

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B

Berschad

In der Kleinstadt Berschad, die vor 1941 überwiegend von Jüdinnen und Juden bewohnt war, bestand zwischen Herbst 1941 und Frühjahr 1944 das größte rumänische Ghetto in Transnistrien. Nur 7.000 von 25.000 Gefangenen überlebte die NS-Zeit.

Am 29. Juli 1941 eroberten ungarischen Truppen die Stadt, die zunächst von deutschen Truppen besetzt war. Anfang September 1941 wurde sie Teil des rumänischen Besatzungsgebiets Transnistrien. Zuvor konnte etwa die Hälfte der 4300 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (73 Prozent der Bevölkerung) evakuiert werden. Diejenigen, die geblieben waren, wurden zusammen mit Verschleppten aus anderen Orten in ein Ghetto gesperrt. Viele starben an Hunger, Kälter oder Krankheiten; Hilfe gab es kaum. 1942 formierte sich eine Widerstandsgruppe, die unter Todesgefahr mit örtlichen Partisanen zusammenarbeitete. Die Rote Armee befreite die Stadt am 14. März 1944.

Bohdaniwka

Das Dorf Bohdaniwka liegt etwa 30km westlich der Rajonshauptstadt Pawlograd. Ob dort vor 1945 auch Jüdinnen und Juden lebten, ist nicht bekannt. Pawlograd wiederum hatte 1939 2.510 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner. Viele konnten flüchten oder wurden als Soldaten eingezogen, bevor deutsche Einheiten die Stadt am 11. November 1941 erreichten. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich dort viele jüdische Geflüchtete aus Polen auf, die von der NS-Verfolgung eingeholt wurden. Zwischen November 1941 und Mitte 1942 wurden mehrere tausend Menschen in Massenerschießungen ermordet. Am 17. Februar 1943 wurde die Stadt für wenige Tage von Partisanen befreit, sieben Monate später dann endgültig von der Roten Armee.

Brody

Die jüdische Einwohnerinnen und Einwohner von Brody wurden mehrheitlich nicht erschossen, sondern in den Vernichtungslagern Belzec und Majdanek ermordet.

In der galizischen Kleinstadt Brody waren Anfang des 20. Jahrhunderts (1910) etwa zwei Drittel der rund 18.000 Einwohnerinnen und Einwohner jüdisch. Die Stadt war bis 1918 Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, gehörte dann zu Polen und wurde im September 1939 von der Sowjetunion besetzt. Am 29. Juni 1941 eroberten deutsche Einheiten Brody, das fortan im Generalgouvernement lag. Sofort begann die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner. Im Verlauf des Jahres 1942 wurde zunächst ein offenes, dann ein geschlossenes Ghetto eingerichtet. Die dort inhaftierten Verfolgten starben in großer Zahl an Hunger, Krankheiten und Kälte. Die übrigen wurden bis Jahresende in die Vernichtungslagern Belzec und Majdanek deportiert und dort ermordet. Mehreren hundert Jüdinnen und Juden gelang es wohl – auch durch die jüdische Widerstandsgruppe, die sich 1942 formiert hatte – bei Partisanen in den umliegenden Wäldern oder in Verstecken den Holocaust zu überleben. Im Juli 1944 befreite die Rote Armee die Stadt. Wie viele Menschen in und aus Brody dem Holocaust zum Opfer fielen, lässt sich nicht feststellen.

C

Charkiw

In Charkiw ermordeten die deutschen Besatzer und ihre Helfer etwa 12.000 Juden und Jüdinnen, einen Großteil in der Schlucht von Drobytskyj Jar. Zuvor konnten etwa 90.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (ca. 70 Prozent) evakuiert werden.

Charkiw, bis 1934 Hauptstadt der ukrainischen Teilrepublik der Sowjetunion, hatte 1939 etwa 130.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (15 Prozent der Bevölkerung). Deutsche Einheiten besetzten die Stadt am 23. Oktober 1941, die fortan unter Militärverwaltung stand. Die Verfolgung und Ermordung der verbliebenen Jüdinnen und Juden begann unmittelbar. Die Besatzer richteten im Dezember ein geschlossenes Ghetto auf dem Gelände eines Traktorenwerks ein, wo viele Inhaftierte an Hunger, Krankheiten und Kälte starben. Die übrigen wurden zwischen Ende Dezember 1941 und Anfang Januar 1942 in der Schlucht Drobyzkyj Jar von Angehörigen der SS und des Sonderkommandos 4a erschossen. Die Rote Armee befreite die Stadt am 23. August 1943. An die Opfer der Shoah erinnert seit 1966/1967 ein sowjetisches Denkmal und seit 2002 eine Gedenkstätte. Am 26. März 2022 wurde ein Teil des Gedenkensembles, das Menorah-Gedenkzeichen, bei einem Beschuss der Stadt durch russische Truppen beschädigt.

Text: Svitlana Telukhina

Chorol

Viele Jüdinnen und Juden verließen die Kleinstadt Chorol – entweder aufgrund der Pogrome 1905 und 1918 oder angesichts des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Deutsche Einheiten errichten Chorol am 13. September 1941. Zuvor konnte ein Großteil der etwa 700 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (6 Prozent der Bevölkerung) evakuiert werden. Ende Oktober erschossen SS-Angehörige die etwa 460 Menschen, die in der Stadt geblieben waren. In er Nähe gab es außerdem ein Kriegsgefangenenlager (Stalag 388), in dem Zehntausende sowjetische Soldaten, darunter viele jüdische, ermordet wurden.

Czernowitz

Seit 1941 gehörte Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, (wieder) zu Rumänien, einem NS-Verbündeten. Die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner wurden mehrheitlich nach Transnistrien deportiert, etwa die Hälfte überlebte nicht.

1939 besetzte die Sowjetunion Czernowitz und die nördliche Bukowina. Als dessen Truppen am 5. Juli 1941 in die Stadt einmarschierten, befanden sich dort etwa 60.000 Jüdinnen und Juden. Sie waren unmittelbar Übergriffen, Plünderungen und Pogromen ausgesetzt. Am 10. Oktober 1941 wurde im jüdischen Stadtviertel ein geschlossenes Ghetto eingerichtet, in das etwa 50.000 Menschen ziehen mussten. Im gleichen Monat begannen die Massendeportationen nach Transnistrien, wo die Verschleppten in anderen Ghettos inhaftiert oder sofort am Fluss Dnistr erschossen wurden. Die Sterblichkeit in den Ghettos war aufgrund von Hunger, Kälte und Krankheiten enorm hoch. In Czernowitz zurück blieben etwa 15.000 Jüdinnen und Juden, die am 30. März 1944 von der Roten Armee befreit wurden. Insgesamt wurden in den rumänisch besetzten Gebieten etwa 400.000 Jüdinnen und Juden im Holocaust ermordet.

D

Dnipropetrowsk (seit 2016: Dnipro)

In Dnipropetrowsk befindet sich der Gebäudekomplex „Menorah“, das nach eigenen Angaben größte jüdische Zentrum der Welt. Dort informiert auch ein Museum über die jüdische Stadtgeschichte und die Shoah.

Bevor deutsche Einheiten die Großstadt Dnipropetrowsk am 25. August 1941 besetzten, konnte ein Großteil der etwa 90.000 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (18 Prozent der Bevölkerung) flüchten oder evakuiert werden. In der Stadt zurück blieben zwischen 30.000 und 35.000 Jüdinnen und Juden. Die deutschen Besatzer begannen unmittelbar – wie anderswo auch – ihre antisemitische Politik rücksichtslos umzusetzen. Jüdinnen und Juden mussten sich registrieren lassen, eine weiße Armbinde mit Davidstern tragen und horrende Sonderabgaben zahlen. Zwar gründeten sich Untergrund- und Widerstandsgruppen, allerdings wurden deren Mitglieder alle innerhalb weniger Monate verhaftet oder ermordet. Am 15. September wurde die Stadt Teil des „Reichskommissariats Ukraine“. Etwa zur gleichen Zeit begann die systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden. Bis Februar 1942 gab es mehrere Massaker, in denen SS-Angehörige und Polizisten tausende Jüdinnen und Juden erschossen. Auch Patienten der psychiatrischen Klinik und die Einwohner der umliegenden jüdischen Landwirtschaftssiedlungen fielen den Erschießungen zum Opfer Die genaue Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt und wird auf 10.000 bis 21.000 geschätzt. Die letzten überlebenden 700 Zwangsarbeiter wurden im Frühjahr 1943 ermordet, nachdem sie die Spuren der NS-Verbrechen verwischen mussten. Die Rote Armee erreichte die stark zerstörte Stadt am 25. Oktober 1943 und befreite 15 Jüdinnen und Juden, die im Versteck überlebt hatten.

I

Inhulez

Inhulez war eine von etwa 250 jüdischen Landwirtschaftssiedlungen, die sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in der heutigen Südukraine und auf der Krim gründeten. Insbesondere die Halbinsel wurde für viele Zionistinnen und Zionisten zum alternativen Sehnsuchtsort. Inhulez wiederum hatte 1939 etwa 1.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner. Im August 1941 wurde es von deutschen Einheiten besetzt. In den folgenden Wochen soll ein Ghetto eingerichtet worden sein. Dessen Einwohnerinnen und Einwohner wurden, wie Jüdinnen und Juden aus der Umgebung, im Juni oder Juli 1942 erschossen. Schätzungen zufolge ermordeten die Nationalsozialisten und ihre Helfer dort etwa 1.400 Menschen.

Iwanhorod

Das Foto, das eine Erschießung in Iwanhorod zeigt, erlangte grausame Berühmtheit. Wen es zeigt ist – ebenso wie das weitere Tatgeschehen – nicht bekannt.

Das Dorf Iwanhorod hatte wohl vor dem Zweiten Weltkrieg einige hundert jüdische Einwohnerinnen und Einwohner. 1942 wurden die dort lebenden Jüdinnen und Juden von Angehörigen der Einsatzgruppe C erschossen. Genaueres Wissen gibt es nicht.

K

Kamjanets-Podilskyj

Die westukrainischen Stadt Kamjanets-Podilskyj wurde vom 26. bis 28. August 1941 Schauplatz des ersten umfassenden Massenmordes an Jüdinnen und Juden in der besetzten Sowjetunion, dem 23.600 Menschen zum Opfer fielen.

Am 10. Juli 1941 eroberten ungarische Truppen die Stadt und übergaben sie Ende des Monats an deutsche Einheiten, die sie zum 1. September in das „Reichskommissariat Ukraine“ eingliederten. Unmittelbar nach der Besatzung begann die Verfolgung, Ausbeutung und Beraubung der 13.795 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (38 Prozent der Bevölkerung). Hinzu kamen etwa 14.000 Jüdinnen und Juden ohne ungarischen Pass, die die ungarischen Behörden bis Ende August aus den besetzten Karpaten an die Nationalsozialisten auslieferten. Ein Großteil von ihnen wurde, gemeinsam mit ortsansässigen Jüdinnen und Juden, in dem Massaker bis zum 28. August 1941 von Polizisten und SS-Angehörigen erschossen. Die Überlebenden wurden in ein geschlossenes Ghetto gesperrt und bis Ende 1942 ermordet. Den letzten Erschießungen im Frühling 1943 fielen jüdische Zwangsarbeiter zum Opfer. Am 27. März 1944 befreite die Rote Armee die Stadt.

Kiew

In der Schlucht Babyn Jar am Stadtrand von Kiew erschossen deutsche Einheiten und ihre Helfer am 29. und 30. September 1941 33.771 Jüdinnen und Juden und begingen damit das größte Massaker im „Holocaust by bullets“.

Die ukrainische Hauptstadt Kiew war vor 1941 eines der wichtigsten jüdischen Zentren in der Sowjetunion und hatte 1939 etwa 225.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (25 Prozent der Bevölkerung). Etwa die Hälfte von ihnen konnten fliehen oder evakuiert werden, bevor deutsche Einheiten die Stadt am 17. September 1941 besetzten. Sie war fortan Teil des Reichskommissariats Ukraine. Zwei Wochen später ermordeten Angehörige der SS, des Sonderkommandos 4a, der Wehrmacht und ihre ukrainischen Helfer nahezu alle jüdischen Kiewer. Bis die Rote Armee die Stadt am 6. November 1943 befreite, waren in Babyn Jar Schätzungen zufolge insgesamt 65.000 Menschen – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, andere Zivilisten – ermordet und in Massengräbern verscharrt worden.

Nach dem Krieg leitete eine nahegelegene Ziegelfabrik Schutt und Erdmassen in die Schlucht. Zum Schutz des umliegenden Viertels wurde ein Staudamm errichtet, der am 13. März 1961 aufgrund starker Regenfälle brach. In der „Kureniwka-Katatstrophe“ starben mindestens 145 Menschen.

Kolomyja

In Kolomyja, einer galizischen Kleinstadt, wurde zwischen 1941 und 1944 (fast) die gesamte jüdische Gemeinde ausgelöscht, die Synagoge niedergebrannt und der Friedhof zerstört. Die Grabsteine mussten die Verfolgten als Straßenpflaster auslegen.

Vor dem Krieg lebten in der polnischen, ab 1939 sowjetischen Stadt etwa 15.660 Jüdinnen und Juden (60 Prozent der Bevölkerung). Hinzu kamen etwa 3.500 jüdische Geflüchtete aus dem deutsch besetzten Teil Polens. Am 3. Juli 1941 eroberten ungarische Truppen Kolomyja, die am 1. August in das Generalgouvernement eingegliedert wurde. Unmittelbar setzen die deutschen Besatzer ihre Verfolgungs- und Vernichtungspolitik um. Bis März 1942 ermordeten sie in mehreren Massenerschießungen tausende Jüdinnen und Juden, dann richteten sie ein geschlossenes Ghetto ein. Dessen Einwohnerinnen und Einwohner wurden im Laufe des Jahres 1942 in das Vernichtungslager Belzec deportiert und dort ermordet. Die letzten 1.500 Jüdinnen und Juden in Kolomyja wurden im Februar 1943 in einem Waldstück erschossen. Die Befreiung durch die Rote Armee am 28. März 1944 erlebten etwa 20 Jüdinnen und Juden im Versteck.

Konotop

Aus Konotop konnten die meisten Jüdinnen und Juden evakuiert werden, etwa 1.000 Menschen fielen hier dem Holocaust zum Opfer.

In der Kleinstadt, die zur ukrainischen Teilrepublik der Sowjetunion gehörte, lebten 1939 3.941 Jüdinnen und Juden (9 Prozent der Bevölkerung). Etwa 1.000 Jüdinnen und Juden gerieten am 7. September 1941 unter deutsche Besatzung. Sie wurden bis Ende 1941 von der SS und ukrainischen Hilfspolizisten erschossen. Die Rote Armee befreite die Stadt am 6. September 1943.

L

Ljubar

Ljubar war einer der Orte, die im Rahmen des Projekts „Erinnerung bewahren“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas näher untersucht wurden. 2019 konnten zwei Informationsstelen errichtet werden.

In der Kleinstadt Ljubar lebten 1941 etwa 1.700 Jüdinnen und Juden, als deutsche Einheiten sie am 9. Juli besetzten. Unmittelbar nach dem Einmarsch richteten die Besatzer ein Ghetto ein. Bis Ende August erschossen sie mehrere Hundert jüdische Männer. Am 13. September 1941 wurden alle Einwohnerinnen und Einwohner des Ghettos verhaftet und in einer Grube erschossen. Diejenigen, die sich zunächst verstecken konnten, wurden größtenteils von deutschen Einheiten aufgegriffen und ermordet. Die Opfer wurden in Massengräbern verscharrt, deren genaue Lage unklar ist. Die Rote Armee befreite die Stadt am 8. Januar 1944.

M

Misotsch

In Misotsch ermordeten deutsche Einheiten nahezu alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner. Überliefert sind fünf Fotografien, die die Erschießung von Frauen und Kindern im Oktober 1942 zeigen.

In Misotsch, einem Dorf in Galizien, lebten etwa 800 Jüdinnen und Juden (2/3 der Einwohnerschaft). Bis 1939 gehörte es zu Polen, war dann sowjetisch und ab 1941 deutsch besetzt. Mindestens 300 Jüdinnen und Juden konnten Misotsch mit der Roten Armee verlassen, bevor deutsche Einheiten es am 27. Juni 1941 erreichten und dem Generalgouvernement angliederten. Zwei Tage später verübten ukrainische Nationalisten ein Pogrom. Die deutschen Besatzer wiederum verhängten Ausgangssperren, richteten einen „Judenrat“ ein und zwangen die jüdischen Einwohner, eine Armbinde zu tragen und Zwangsarbeit zu leisten. Im Mai 1942 mussten Jüdinnen und Juden in ein offenes Ghetto ziehen, wo sich im Sommer 1942 eine Widerstandgruppe formierte. Die systematischen Ermordungen begannen am 13. und 14. Oktober 1942, als SS-Einheiten und ukrainische Hilfspolizisten das Ghetto umstellten und die Verfolgten in einer Grube erschossen. Lediglich 20 Menschen überlebten die deutsche Besatzung, die am 4. Februar 1944 mit dem Einmarsch der Roten Armee endete.

Mogilew-Podilskyj

In Mogilew-Podilskyj, einer Grenzstadt direkt am Fluss Dnistr, befand sich das größte rumänische Durchgangslager für Jüdinnen und Juden nach Transnistrien. Bis 1944 passierten es etwa 52.000 Menschen.

Vor dem Krieg hatte die Kleinstadt, die zur ukrainischen Sowjetrepublik gehörte, 8.703 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (40 Prozent der Bevölkerung). Am 19. Juli 1941 nahmen deutsche und rumänische Einheiten die Stadt ein, die seit September zum rumänischen Besatzungsgebiet Transnistrien gehörte. Mehrere Zehntausend Jüdinnen und Juden, die aus Bessarabien und der Bukowina nach Transnistrien gebracht wurden, kamen in und durch die Stadt. Viele mussten Zwangsarbeit leisten, die Lebensbedingungen waren katastrophal. Immer wieder kam es zu Gewalt, weiteren Deportationen und Ermordungen. Allerdings gab es keine systematischen Massenerschießungen. Im Juli 1942 wurde ein geschlossenes Ghetto eingerichtet. Am 19. März 1944 befreite die Rote Armee die Stadt.

Myropil

Im Gegensatz zu vielen anderen Orten gibt es aus Myropil ein Foto, das einen Moment des „Holocaust by bullets“ in der Ukraine zeigt.

In dem Dorf in Wolhynien, das zur ukrainischen Teilrepublik in der Sowjetunion gehörte, lebten 1939 1.143 Jüdinnen und Juden (40 Prozent der Bevölkerung). Nachdem deutsche Einheiten es am 6. Juli 1941 erreichten, richteten sie ein offenes Ghetto ein und ermordeten die jüdischen Männer. Frauen Kinder und Ältere wurden am 13. Oktober 1941 an einer Grube im Stadtpark u. a. von Zollbeamten erschossen. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge wurden bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 6. Januar 1944 960 Jüdinnen und Juden in Myropil ermordet. Einzig von einer Person – Ludmilla Blekhman – ist bekannt, dass sie überlebt hat.

N

Nowhorod-Siewerskyj

In Nowhorod-Siewerskyj, einer Kleinstadt im Dreiländereck zwischen ukrainischer, russischer und belarussischer Sowjetrepublik, fielen 174 Jüdinnen und Juden dem Holocaust zum Opfer.

1939 hatte die Stadt 982 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (6 Prozent der Bevölkerung). Sie konnten größtenteils vor dem deutschen Einmarsch am 26. August 1941 evakuiert werden. Diejenigen, die in der Stadt geblieben waren, wurden in zwei Massakern am 7. und 18. November 1941 von SS-Angehörigen mit Unterstützung von ukrainischen Polizisten erschossen. Am 16. September 1943 erfolgte die Befreiung durch die Rote Armee.

Nowograd-Wolinskyj (seit 2022 Swjahel)

Wie viele Menschen genau dem Holocaust in Nowograd-Wolinskyj (heute Swjahel) zum Opfer fielen, ist unklar.

Die Kleinstadt war seit 1922 Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik und hatte 1939 6.839 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (29 Prozent der Bevölkerung). Am 10. Juli 1941 besetzten deutsche Einheiten die Stadt und begannen unmittelbar mit der Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden. Sie wurden in ein Ghetto gesperrt und in mehreren Massakern, unter anderem am 29. und 30. August 1941, erschossen. Diese verübten Angehörige der SS, der Einsatzgruppe C, der Wehrmacht und Polizisten. Am 3. Januar 1944 befreite die Rote Armee die Stadt. Insgesamt wurden im gesamten Bezirk Shitomyr, dessen Zentrum Nowograd-Wolinskyj war, etwa 44.000 Jüdinnen und Juden ermordet.

O

Odessa

Odessa gehörte während des Zweiten Weltkriegs zu Transnistrien, ein Besatzungsgebiet des NS-Verbündeten Rumänien. Etwa 100.000 Menschen fielen hier dem Holocaust zum Opfer.

Die Großstadt Odessa war eines der wichtigsten jüdischen Zentren in der Sowjetunion. Etwa die Hälfte der 200.000 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (1/3 der Bevölkerung) konnte flüchten, bevor rumänische Einheiten die Stadt am 16. Oktober 1941 einnahmen. Sogleich begann die Registrierung, Verhaftung, Verschleppung, Beraubung und Ermordung von Jüdinnen und Juden, sowohl durch Angehörige der Einsatzgruppe D als auch von rumänischen Truppen und Milizen auf Anweisung des Diktators Ion Antonescu. In mehreren Massakern im Oktober 1941 wurden etwa 50.000 Jüdinnen und Juden ermordet. Die verbliebenen etwa 40.000 Jüdinnen und Juden wurden in ein Ghetto im Stadtteil Slobodka gesperrt, wo viele den Winter nicht überlebten. Die übrigen wurden mit wenigen Ausnahmen bis Juni 1942 ermordet. Am 10. April 1944 befreite die Rote Armee die Stadt. Insgesamt wurden in den rumänisch besetzten Gebieten etwa 400.000 Jüdinnen und Juden im Holocaust ermordet.

Olewsk und Malyn

Die Kleinstädte Olewsk und Malyn liegen etwa 130km voneinander entfernt in der Oblast Schytomyr. Das Tatgeschehen im Holocaust ähnelte sich – alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner, die nicht geflüchtet waren, wurden von deutschen Einheiten ermordet.

Beide Städte, in Wolhynien gelegen, waren vor 1939/1941 Teil der ukrainischen Teilrepublik in der Sowjetunion. Malyn hatte 1939 3.607 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (32 Prozent), Olewsk 2.858 (42 Prozent). Ein Großteil von ihnen konnte flüchten oder evakuiert werden, bevor Wehrmacht und SS-Einsatzgruppen das Gebiet im Juli 1941 erreichten.

Malyn geriet direkt unter deutsche Kontrolle und wurde Teil des „Reichskommissariats Ukraine“. Etwa 1.000 Jüdinnen und Juden, die sich noch in der Stadt befanden, wurden im August erschossen.

Olewsk war zunächst in der Hand von ukrainischen Nationalisten, die Jüdinnen und Juden gewaltsam schikanierten, ausraubten und vereinzelt auch ermordeten. Systematisch verfolgt wurden sie ab November 1941, als die Deutschen die Herrschaft übernahmen. Sie richteten ein Ghetto und einen „Judenrat“ ein und zwangen die Verfolgten, sich mit einem Davidstern zu kennzeichnen. Am 20. November 1941 wurden 560 Menschen in einer Massenerschießung ermordet. Nur sehr wenige überlebten die NS-Zeit.

P

Putywl

Aus Putywl gelang es einem Großteil der Jüdinnen und Juden, zu flüchten oder evakuiert zu werden.

Zwischen acht und 20 Personen blieben im Dorf zurück, das 1939 noch 152 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (1 Prozent der Bevölkerung) hatte und zur ukrainischen Teilrepublik der Sowjetunion gehörte. Deutsche Einheiten erreichten die Stadt im September 1941. Die noch in Putywl lebenden Jüdinnen und Juden erschoss die SS am 4. November 1941 in einem Waldstück.

R

Riwne

In Riwne wurden während der deutschen Besatzung 1941 bis 1944 fast alle Jüdinnen und Juden ermordet. Insgesamt fielen dem Holocaust dort etwa 23.000 Menschen zum Opfer.

Die Kleinstadt in Wolhynien gehörte zu Polen und hatte etwa 25.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (40 Prozent der Bevölkerung). 1939 besetzte die Sowjetunion die Stadt, die fortan zu einem Zufluchtsort für jüdische Verfolgte aus dem deutsch besetzten Teil Polens wurde. Einigen Tausend gelang die Flucht, bevor deutsche Einheiten die Stadt am 28. Juni 1941 erreichten. Unmittelbar begann die Verfolgung, Beraubung, Ausbeutung und Ermordung der jüdischen Einwohnerschaft. Die deutschen Besatzer richteten einen „Judenrat“ ein, forderten hohe Sonderabgaben und verpflichteten die jüdischen Einwohner zur Zwangsarbeit. Am 1. September 1941 wurde Riwne Teil des neu geschaffenen „Reichskommissariats Ukraine“. Zeitgleich begannen die Massenerschießungen. In zwei Massakern am 6./7. November 1941 und 13./14. Juli 1942 erschossen Angehörige der SS-Einsatzgruppen und Polizisten etwa 20.000 Menschen in Gruben und Wäldern außerhalb der Stadt. Am 5. Februar 1944 befreiten die Rote Armee und Partisanen die Stadt.

S

Schostka

Über den Holocaust in Schostka ist nur wenig bekannt. 1939 waren etwa 370 der 28.000 Einwohnerinnen und Einwohner Schostkas jüdisch (1 Prozent der Bevölkerung). Deutsche Einheiten besetzten die Stadt am 28. August 1941. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 3. September 1943 erschossen sie, vor allem in der zweiten Häfte des Jahres 1942 etwa 1.200 jüdische und nicht-jüdische Zivilisten. 105 Jüdinnen und Juden fielen dem Massaker 15. Dezember 1942 zum Opfer.

Schtschors

In der Kleinstadt Schtschors lebten, wie im gesamten Gebiet Tschernigow nahe der russischen Grenze, nur wenige Jüdinnen und Juden.

Etwa die Hälfte der ca. 1.400 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner (16 Prozent der Bevölkerung) gelang es, die Stadt vor dem Einmarsch deutscher Einheiten am 3. September 1941 zu verlassen. Andere wurden in die Rote Armee eingezogen. Jüdinnen und Juden, die sich weiterhin in der Stadt aufhielten, mussten sich registrieren, in ein „offenes Ghetto“ ziehen und Zwangsarbeit leisten. Sie wurden in mehreren Massakern in einem Waldstück bis zum Frühjahr 1942 ermordet. Insgesamt dauerte die deutsche Besatzung in Schtschors fast genau zwei Jahre bis zum 21. September 1943.

Schytomyr

Die Stadt Schytomyr war einer von 135 Tatorte des „Holocaust by bullets“ im gleichnamigen Gebiet in der nördlichen Ukraine. Deutsche Einheiten ermordeten dort zwischen 1941 und 1944 etwa 55.000 Menschen.

Für die Gebietshauptstadt zählten die sowjetischen Behörden 1939 29.503 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (31 Prozent der Bevölkerung). Viele konnten fliehen oder in die Rote Armee eingezogen, bevor deutsche Einheiten die Stadt am 9. Juli 1941 erreichten. Die Ermordung der etwa 7.000 dagebliebenen Jüdinnen und Juden begann unmittelbar. Im Juli und August fielen mehrere tausend Menschen Massakern von SS- und Polizeiangehörigen zum Opfer. Die übrigen wurden in ein Ghetto gesperrt – eines von insgesamt 58 auf dem Gebiet – und im Herbst erschossen. Anfang 1942 sowie im Laufe des Jahres 1943 wurden die letzten jüdischen Zwangsarbeiter ermordet, bevor die Rote Armee die Stadt im Dezember 1943 befreite.

Simferopol

Auf der Krim – und in der Hauptstadt Simferopol – gab es vor 1941 ein vielfältiges jüdisches Leben, was die Nationalsozialisten im Holocaust in unterschiedlichem Maße zerstörten.

Neben aschkenasischen Jüdinnen und Juden lebten dort auch Krimtschaken und Karäer, zwei ethnische Minderheiten innerhalb des Judentums. Außerdem gab es auf dem Festland vor der Halbinsel eine Vielzahl jüdischer Landwirtschaftssiedlungen. Außer den Karäer waren alle von der NS-Verfolgung und-vernichtung betroffen.

In Simferopol lebten 1939 22.791 Jüdinnen und Juden (16 Prozent der Bevölkerung). Etwa die Hälfte von ihnen konnte flüchten, bevor die Wehrmacht die Stadt am 1. November 1941 besetzte. Die Halbinsel, die zuvor Teil der russischen Teilrepublik der Sowjetunion war, stand fortan unter deutscher Militärverwaltung. Vom 9. bis 13. Dezember 1941 ermordeten Angehörige der Einsatzgruppe D mit Unterstützung der Wehrmacht in einem Panzergraben mehr als 10.000 aschkenasische Jüdinnen, Juden und Krimschaken. Parallel oder unmittelbar anschließend töteten die Deutschen auch in der Stadt lebenden Sintizze, Sinti, Romnja und Roma an der gleichen Stelle. Schätzungen zufolge fielen auf der Krim etwa 40.000 Jüdinnen und Juden der Shoah zum Opfer. Im Mai 1944 erreichte die Rote Armee die Halbinsel, die seit 1954 zur Ukraine gehört.

Sofyjiwka

Über den Holocaust in dem kleinen Dorf Sofyjiwka in der Oblast Dniprowpetrowsk ist fast nichts bekannt. 1939 hatte es 39 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner, die vermutlich größtenteils während der deutschen Besatzung zwischen August 1941 und Herbst 1943 ermordet wurden.

Stalino

Stalino erreichten deutsche Einheiten erst im Herbst 1941, sodass es etwa 90 Prozent der dort lebenden Jüdinnen und Juden gelang, zu fliehen oder evakuiert zu werden.

Vor dem Krieg hatte die ostukrainische Großstadt Stalino etwa 25.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (5 Prozent der Bevölkerung). Deutsche Einheiten eroberten die Stadt am 20. Oktober 1941, die fortan und während der gesamten Besatzungszeit unter Militärverwaltung stand. Sie verpflichteten die zurück gebliebenen jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner zur Zwangsarbeit, raubten ihr Hab und Gut und richteten einen „Judenrat“ ein. Immer wieder erschossen SS-Angehörige mehrere hundert jüdische Männer. Im Dezember 1941 wurden die noch lebenden Jüdinnen und Juden ohne Versorgung in einem geschlossenen Ghetto inhaftiert, wo sie sie schwerste Zwangsarbeit leisten mussten. Zwei Monate später wurden sie in einem Bergwerk ermordet und die Leichen in einem Schacht verscharrt. Dieser Ort diente auch als Hinrichtungsstätte für sowjetische Kriegsgefangene. Wie viele Menschen genau dem Holocaust in Stalino bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 8. September 1943 zum Opfer fielen, ist nicht bekannt. Schätzungen zufolge sind es zwischen 3.000 und 15.000.

T

Trochenbrod

Das Shtetl Trochenbrod wurde 1942 vollständig vernichtet, sodass kein genaues oder umfassendes Wissen über seine Existenz und seine Zerstörung vorhanden ist.

In Trochenbrod (offizieller Name: Zofiowka) lebten (fast) ausschließlich Jüdinnen und Juden, 1939 waren es wohl ca. 3.500 Menschen. Im September 1939 besetzte die Sowjetunion das zuvor polnische Dorf, vermutlich im Sommer 1941 erreichten es deutsche Einheiten. Was genau während des Krieges dort geschah, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Im August und September 1942 gab es mindestens drei Massenerschießungen, in denen Angehörige der Einsatzgruppe C und ukrainische Polizisten insgesamt mehr als 5.000 Menschen ermordeten. Das Dorf wurde komplett zerstört.

Tschernobyl

Der Name Tschernobyl steht wie kein anderer für die nukleare Katastrophe, nachdem am 26. April 1986 ein Reaktor des gleichnamigen Atomkraftwerks in der nahegelegenen Stadt Prypjat explodiert war. Aus dem Blick gerieten andere Kapitel der Geschichte der Stadt: Sie war ein Zentrum des chassidischen Judentums und 1941 einer von unzähligen Tatorten während der Shoah.

Im 18. Jahrhundert wirkte dort der Rabbiner Menachem Nachum Twersky und begründete dort ein wichtiges Zentrum des Chassidismus, einer orthodoxen Bewegung innerhalb des Judentums. Etwa 150 Jahre später waren 1.783 der etwa 9.000 Einwohnerinnen und Einwohner Tschernobyls jüdisch (25 Prozent). Etwa zwei Drittel von ihnen gelang die (vorerst rettende) Flucht oder die Evakuierung, bevor deutsche Einheiten die Stadt am 25. August 1941 besetzten. Die verbliebenden mussten in das im Oktober eingerichtete „offene Ghetto“ ziehen, Zwangsarbeit leisten und eine Armbinde tragen. Im November 1941 erschossen Angehörige der Einsatzgruppe C mehr als 400 Menschen. Etwa 20 Verfolgte konnten sich zunächst retten, wurden aber wenige Wochen später gefasst und hingerichtet. Die Rote Armee erreichte Tschernobyl erstmals am 28. September 1943, wurde aber von der Wehrmacht wieder zurückgedrängt und befreite die Stadt letztlich am 17. November. Heute ist sie Teil der Sperrzone um den havarierten Reaktor.

U

Uschhorod

Heute ist Uschhorod im äußersten Westen der heutigen Ukraine ein Zufluchtsort für Binnengeflüchtete. Zu Beginn des Jahres 1944 war sie Teil eines kleinen Landstriches, dessen jüdische Einwohner – sofern sie einen ungarischen Pass besaßen – größtenteils noch am Leben waren: Transkarpatien.

Das Gebiet war in der Zwischenkriegszeit ein Teil der Tschechoslowakei und gehörte seit 1939 wieder zu Ungarn, einem Verbündeten von NS-Deutschland. 1930 hatte es etwa 100.000 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner, jede(r) zehnte lebte in Uschhorod. Trotz des grassierenden Antisemitismus lebten sie dort in relativer Sicherheit. Dies änderte sich, als die Wehrmacht das abtrünnig gewordene Ungarn am 19. März 1944 besetzte. Innerhalb weniger Wochen inhaftierten die Nationalsozialisten landesweit Juden und Jüdinnen in Ghettos und deportierten im Mai und Juni insgesamt 430.000 Menschen (mit Ausnahme der Bewohner der Hauptstadt Budapest) in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. In Uschhorod ließen die Besatzer im April 1944 zwei geschlossene Ghettos einrichten. Die dort Inhaftierte wurden wenige Wochen später ebenso nach Auschwitz verschleppt und größtenteils ermordet.

W

Winnzyja

Die Oblast Winnzyja war während des Krieges geteilt: Die gleichnamige Gebietshauptstadt und der nördliche Teil wurden dem deutsch besetzten Reichskommissariat Ukraine zugeschlagen, die Gebiete östlich des Flusses Dnjestr dem rumänischen Transnistrien. Insgesamt ermordeten die Besatzer dort etwa 115.000 Jüdinnen und Juden. Ca. 20.000 Menschen fielen dem „Holocaust bei bullets“ in der Hauptstadt zum Opfer.

1939 hatte die Stadt Winnyzja 33.150 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner (35 Prozent). Etwa 18.000 von ihnen befanden sich noch in der Stadt, als deutsche Einheiten sie am 19. Juli 1941 besetzten. Die Verfolgten mussten sich mit einer Armbinde kennzeichnen, ihnen wurden diverse Beschränkungen auferlegt und es wurde ein „Judenrat“ gegründet. Im Sommer und Herbst 1941 ermordeten deutsche Einheiten einen Großteil von ihnen. Ende September wurden etwa 15.000 Menschen am Stadtrand erschossen. Im April und August 1942 wurde die zunächst verschonten Facharbeiten ermordet. Als die Rote Armee Winnyzja am 20. März 1944 befreite, hatten etwa 20 Menschen im Versteck überlebt.

Woroschilowgrad (seit 1990 wieder Luhansk)

Die Stadt Woroschilowgrad lag im östlichsten – und damit im zuletzt von deutschen Einheiten besetzten – Gebiet der ukrainischen Sowjetrepublik. Ein Großteil der Jüdinnen und Juden konnte evakuiert werden; die verbliebenen wurden im November 1942 erschossen.

Vor dem Krieg hatte die Stadt nur wenige jüdische Einwohnerinnen und Einwohner. Sowjetische Behörden zählten 1939 etwa 1.600 Personen (5 Prozent der Bevölkerung). Viele von ihnen wurden evakuiert, bevor deutsche Einheiten Woroschilowgrad am 17. Juli 1942 besetzten. Diejenigen, die geblieben waren, mussten sich registrieren lassen, einen Davidstern tragen und Zwangsarbeit leisten. Am 1. November 1942 wurden sie von Angehörigen des Sonderkommandos 4b erschossen. Dem Massaker fielen etwa 1.800 Menschen zum Opfer. Die Rote Armee befreite die Stadt am 14. Februar 1943.

Weiterführende Literatur

  • Babyn Jar. Der Ort, die Tat und die Erinnerung, Osteuropa 71 (2021), H. 1-2.
  • Burds, Jeffrey, Holocaust in Rovno. The Massacre at Sosenki Forest, November 1941, New York 2013.
  • Gabowitsch, Mischa/Homanyuk, Mykola, Monuments and Territory. War Memorials in Russian-Occupied Ukraine, Budapest 2025.
  • Gordinsky, Natasha, „Wir haben sie lange gesucht“. Drobitzki Jar 1941-2016, in: Medaon 15 (2021), S. 1-13.
  • Hausleitner, Mariana u. a. (Hg.), Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, Berlin 2001.
  • Kunz, Norbert, Die Krim unter deutscher Herrschaft (1941-1944). Germanisierungsutopie und Besatzungsrealität, Darmstadt 2005.
  • Pohl, Dieter, Schauplatz Ukraine. Der Massenmord an den Juden im Militärverwaltungsgebiet und im Reichskommissariat 1941-1943, in: Hartmann, Christian/Hürter, Johannes/Lieb, Peter (Hg.)/Pohl, Dieter (Hg.), Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944. Facetten einer Grenzüberschreitung, München 2009, S. 155-199.
  • Lower, Wendy, The Ravine. A Family, a Photograph, a Holocaust Massacre revealed, London 2021.
  • Plokhy, Serhii, Chernobyl. The History of a nuclear Catastrophe, New York 2018.
  • Pohl, Dieter, Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien 1941-1944. Organisation und Durchführung eines staatlichen Massenverbrechens, München 1997.
  • Portnov, Andrii, Dnipro. An entangled History of a European City, Boston 2022.
  • Safran Foer, Esther, Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind, Köln 2020.
  • Spector, Shmuel/Wigoder, Geoffrey, The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York 2001, 3 Bde.
  • Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas/Ukrainian Center for Holocaust Studies (Hg.), Liubar. The Life and Death of the Jewish community, Kiew 2019.
  • Stürmann, Jakob, Die Krim – ein jüdischer Sehnsuchtsort, in: Dekoder, 27.1.2020, online unter: https://www.dekoder.org/de/.
  • Zabarko, Boris/Müller, Margret/Müller, Werner (Hg.), Leben und Tod in der Epoche des Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse von Überlebenden, Berlin 2019.