Blind Spot: Nicht-Wissen

Die Überlieferung und das Wissen über den Holocaust in der Ukraine sind bis heute unvollständig. Die Namen der Opfer, der genaue Hergang ihrer Verfolgung und Ermordung und die beteiligten Täter sind nicht umfassend bekannt. Vielmehr sind Ungenauigkeiten und widersprüchliche Angaben zu finden. Wie viele Tatorte es auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gibt, ist ebenfalls nicht genau zu beziffern. Schätzungen zufolge sind es zwischen 2.000 und 5.000 Orte, teilweise gab es in einem Dorf oder einer Stadt auch mehrere Ermordungsstätten. Die Organisation Yahad-In Unum hat über 1.300 Massengräber recherchiert.

Eine zentrale Herausforderung für die Forschung bildet der Umstand, dass es vielerorts keine mündlichen und schriftlichen Quellen (mehr) gibt. Dies ist (auch) auf das Tatgeschehen selbst zurückzuführen: Über die Massenerschießungen fertigten die Täter – im Unterschied zu den Deportationen und zum NS-Lagersystem – kaum Aufzeichnungen an, sodass in der Regel keine Namen überliefert sind. Außerdem gab es nur sehr wenige Überlebende der Erschießungen, die darüber berichten konnten, und Dörfer und Städte waren massiv, teilweise vollständig zerstört. Hinzu kam, dass sowjetische Archive bis zum Zerfall des Staates 1991 weitestgehend nicht zugänglich waren und weder die Erforschung noch die Erinnerung des Holocaust in der Sowjetunion politisch gewünscht wurde. Einzig 1945/46 fand eine umfassende Dokumentation statt, als die „Außerordentliche Staatliche Kommission“ Verbrechen an Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung untersuchte, die Namen von Ermordeten und der zur Zwangsarbeit Deportierten erfasste, Täter und Kollaborateure identifizierte, Ermordungsstätten lokalisierte und materielle Schäden bezifferte. Diese Ergebnisse fanden jedoch kaum Eingang in die Forschung.

Einen Wendepunkt stellte die Unabhängigkeit der Ukraine 1991 dar. Die Archive wurden geöffnet und internationale (jüdische) Organisationen nahmen ihre Arbeit auf. Sie förderten Gedenkinitiativen, Forschungsinstitute und Projekte. So wurden beispielsweise Tatorte genauer untersucht und Zeugnisse von Überlebenden gesammelt. In Deutschland war (und ist) die geschichtswissenschaftliche Forschung zur Ukraine nach wie vor ein Randbereich. Aufwind erhielt sie nach dem flächendeckenden Angriff Russlands 2022.

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