Die Ukraine ist – ebenso wie das Baltikum, Belarus und Moldau – ein blinder Fleck in der deutschen Erinnerungskultur. Über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941 bis 1945 und den „Holocaust by bullets“ wissen die meisten hierzulande wenig.
Dies ist zum einen auf die Schwerpunkte im öffentlichen Gedenken sowie in der (außer)schulischen Bildung zurückzuführen. Darin ist „Auschwitz“ das zentrale Symbol des Holocaust und der NS-Verbrechen.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf denjenigen, die in Deutschland als „jüdisch“ verfolgt wurden, auf den Radikalisierungen 1933 bis 1939 („Wie konnte das passieren?“) sowie auf den Deportationen und Giftgasmorden in den Vernichtungslagern. Dies spiegelt sich auch in den Gedenktagen wider: Von großer Bedeutung sind der 9. November (in Erinnerung an die reichsweiten Pogrome 1938) sowie der 27. Januar (der Tag der Befreiung von Auschwitz). Der Verbrechenskomplex „Holocaust by bullets“ tritt – ebenso wie andere Opfergruppen – in dieser Perspektive zurück.
Zum anderen wirken politische Entwicklungen der Nachkriegszeit fort: Während des „Kalten Krieges“ war die Sowjetunion aus westlicher Perspektive der Hauptgegner. Die dort von NS-Deutschland begangenen Verbrechen verschwanden hinter dem „Eisernen Vorhang“. Stattdessen prägten sich hierzulande andere Bilder zum Zweiten Weltkrieg und zur Sowjetunion ein: die sexualisierte Gewalt gegen Frauen durch Angehörige der Roten Armee, der Mythos der „sauberen Wehrmacht“ sowie eigene Opfer im „kalten russischen Winter“, in der Schlacht von Stalingrad und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Antislawistische Vorurteile und das Feindbild „Russe“, das schon in der NS-Zeit allgegenwärtig war, blieben bestehen. „Russland“ und „Russisch“ dien(t)en dabei als pauschale Sammelbezeichnungen. Geographische Differenzierungen oder genauere Kenntnisse der Geschichte(n) der jeweiligen Gebiete in Mittelosteuropa waren (und sind) meist nicht vorhanden.
Erst der flächendecken Angriffskrieg Russlands seit dem 24. Februar 2022 lenkt den Blick verstärkt auf die Ukraine und damit auf die dort verübten Verbrechen der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges. Dazu zählen die Shoah, aber auch die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener, die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung sowie die Verschleppung und Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen. Am 29. Januar 2025 sprach mit Roman Schwarzman aus Odessa erstmals ein jüdisch-ukrainischer Holocaust-Überlebender bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.
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