Vernichtungskrieg und Überleben in der Ukraine

Etwa 2,7 Millionen Jüdinnen und Juden lebten vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und bildeten damit die zweitgrößte jüdische Bevölkerung in Europa. 1,5 Millionen Menschen wurden in der Shoah zwischen 1941 und 1945 umgebracht, damit stammte jede(r) vierte Ermordete von dort. Die meisten Verfolgten wurden in der Nähe ihres Wohnortes in Gruben, auf Feldern und in Wäldern von Mitgliedern der SS-Einsatzgruppen, des SD, Polizeieinheiten, Zollbeamten, Wehrmachtssoldaten und lokalen Hilfskräfte erschossen. Dem „Holocaust by bullets“, der sich über alle deutsch besetzten Gebiete im besetzten Mittel- und Osteuropa erstreckte, fielen etwa 3 Millionen Menschen zum Opfer. Das systematische Morden dauerte bis zur Befreiung durch die Rote Armee zwischen Ende 1943 und Anfang 1945 an. Der Holocaust war Teil des NS-Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und einer angeblichen „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ mit dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“. Dieser kostete bis 1945 etwa 28 Millionen Menschen in und aus der Sowjetunion das Leben – die größte Opferzahl des Zweiten Weltkrieges.

Etwa 1,2 Millionen Jüdinnen und Juden aus der Ukraine konnten der Shoah entkommen. Einigen wenigen gelang es, im Versteck, bei Partisanen oder durch die Flucht in den nichtbesetzten Teil der Sowjetunion zu überleben. Dies war vor allem in der östlichen Ukraine möglich. In den westlichen Gebieten, die die deutschen Einheiten zuerst erreichten, waren die einzigen Wege, der NS-Verfolgung (vorerst) zu entgehen, die Evakuierung nach Zentralasien und der Dienst in der Roten Armee. Mehrere hunderttausend Jüdinnen und Juden wurden bis Ende 1941 aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in die zentralasiatischen Sowjetrepubliken gebracht, vor allem nach Kasachstan und Usbekistan. Viele starben während der beschwerlichen, mehrwöchigen Bahnfahrt dorthin oder aufgrund der schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort. In der Roten Armee kämpften etwa eine halbe Million jüdische Soldaten, von denen nur 300.000 den Fronteinsatz und die Kriegsgefangenschaft überlebten. Insgesamt gerieten 5,7 von insgesamt 34,5 Millionen sowjetischen Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, 3,3 Millionen von ihnen wurden ermordet.

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Bildunterschrift

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Die sowjetischen Behörden und die Rote Armee waren schlecht auf den deutschen Angriff am 22. Juni 1941 vorbereitet. Dennoch gelang es ihnen, die politischen Eliten und wichtige Wirtschaftsbetriebe aus der Ukraine und anderen Landesteilen an der Front zu evakuieren. Allumfassende Rettungsbemühungen für Jüdinnen und Juden gab es hingegen nicht. Nur wenige wurden nach Zentralasien evakuiert, einigen gelang die eigenständige Flucht. Sie mussten überstürzt aufbrechen und Verwandte und Freunde zurücklassen. Diejenigen, die heute noch selbst darüber erzählen können, erlebten die Evakuierung als Kinder und sprechen mit großem zeitlichem Abstand darüber. Entsprechend geprägt sind ihre Erinnerungen.

Meist wissen die Nachkommen der Überlebenden nur wenig von der Verfolgungsgeschichte ihrer Eltern, Groß- oder Urgroßeltern; deren Traumata wirkten aber fort. Bekannt sind oft die Eckpunkte und einzelne Geschehnisse. In vielen Familien wurde kaum über den Holocaust auf sowjetischem Boden während des Vernichtungskrieges gesprochen. Der schrittweise Wandel der Erinnerungskultur in der Ukraine und die Migration nach Deutschland führen vor allem bei den Enkelinnen und Enkel dazu, mehr über die Geschichte der eigenen Familien erfahren zu wollen.

Mit * gekennzeichnete Namen sind Pseudonyme.