Ein Großteil der Jüdinnen und Juden, die heute in Deutschland leben, stammen aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. Etwa die Hälfte von ihnen haben Wurzeln in der Ukraine. Ihre Einwanderung veränderte die jüdischen Gemeinden und Gemeinschaft in Deutschland grundlegend und war maßgeblich dafür, dass es hier heute (wieder) ein vielfältiges jüdisches Leben gibt.
Etwa die Hälfte der Eingewanderten wurden Mitglieder in einer jüdischen Gemeinde, was zu einem unerwarteten Wachstum der kleinen und überalterten jüdischen Gemeinschaften führte. Zählten sie Ende der 1980er Jahre nur noch rund 30.000 Mitglieder, liegt diese Zahl heute bei etwa 89.000. Die übergroße Mehrheit der Gemeindemitglieder hat seitdem ihre familiären Wurzeln in der Sowjetunion und den Nachfolgestaaten – ein Umstand, der die Gemeinden grundlegend veränderte und wiederholt Anlass für Konflikte bot. Zugleich ermöglicht der demografische Wandel, dass es seit den 2000er Jahren wieder verschiedene jüdisch-religiöse Gemeinden gibt, die sowohl orthodoxe als auch liberale Strömungen umfassen, sowie eine Vielfalt an kulturellen und religiösen Bildungsangeboten.
Durch die postsowjetische Migration ist jedoch auch die Zahl derjenigen gestiegen, die sich nicht religiös, sondern kulturell oder ethnisch-säkular als jüdisch verstehen. Das markanteste Beispiel stellt die Anerkennung der patrilinearen Jüdinnen und Juden dar, die in den Gemeinden keine Aufnahme finden, weil sie religionsgesetzlich nicht jüdisch sind. Insbesondere die junge Generation beansprucht, über selbstbestimmte Räume zu verfügen, in denen sie auf verschiedene Formen einer jüdischen Zugehörigkeit aufmerksam macht und deren Legitimität einfordert.
Jüdisches Leben in Deutschland ist heute sichtbarer und pluraler als in den Nachkriegsjahrzehnten in der Bundesrepublik und in der DDR. Zugleich lassen sich vor allem alte und neue Formen des Antisemitismus beobachten. Insbesondere der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 sowie der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg Israels gegen Gaza haben das Leben von Juden und Jüdinnen in Deutschland grundlegend verändert.
ⓘ Mehr zur sich wandelnden Gedenkkultur in den jüdischen Gemeinden
Der Workshop „Schatztruhe Judaika“ der Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) am 19. Februar 2024, Foto: Europäische Janusz Korczak Akademie e.V.
Treffen von jüdischen Jugendlichen in der Kasseler Gemeinde Mitte der 1990er Jahre, Privatbesitz.
Eingangstür zur Synagoge in Halle mit Einschusslöchern des Anschlags an Jom Kippur 5780/9. Oktober 2019, Wikimedia Commons, Foto: Reise Reise, 11. Juni 2020.
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