Mit der Migration der postsowjetischen Jüdinnen und Juden ist seit den 1990er Jahren eine andere kollektive Erinnerung in die jüdische Gemeinschaft und in die nichtjüdische deutsche Gesellschaft eingezogen. In deren Mittelpunkt stand nicht der Holocaust, sondern der Zweite Weltkrieg, und, damit verbunden, der Sieg über Deutschland. Die Differenz der Erinnerungen führte bis in die 2000er Jahre zu Konflikten in den jüdischen Gemeinden: Während dort am 9. November der Reichspogromnacht 1938 und der jüdischen Opfer des Holocaust gedacht wurde, begingen die eingewanderten Jüdinnen und Juden mit dem Gedenktag am 9. Mai das Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“, der an die Millionen Kriegstoten erinnerte und die Veteranen der Roten Armee ehrte.
Insbesondere die in Deutschland aufgewachsenen jungen Jüdinnen und Juden machten als Kinder und Jugendliche die Erfahrung, dass sich zentrale Elemente der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur, die ihnen anlässlich von Gedenktagen, im Schulunterricht oder in den hiesigen jüdischen Gemeinden vermittelt wurde, von den Erzählungen über Krieg und Überleben in den eigenen Familien unterschied. Zudem wurde weder im Privaten noch in der (deutschen) Öffentlichkeit über den Holocaust auf sowjetischem Boden gesprochen. Über das Schicksal von Jüdinnen und Juden, die dem „Holocaust by bullets“, den Massenerschießungen, der Ghettoisierung und dem Hungertod vor allem in der Ukraine, im Baltikum, in Moldau und in Belarus zum Opfer gefallen waren, war oft nur wenig Wissen vorhanden.
Auch in der deutschen Erinnerungskultur treten diese Themen meist in den Hintergrund. Größeres politisches und gesellschaftliches Interesse an der Ukraine gibt es seit dem Beginn des flächendeckenden Angriffskriegs Russlands am 24. Februar 2022. Infolgedessen rückten auch die dortigen Verbrechen der Deutschen während des Zweiten Weltkriegs – die Shoah, die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener, die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung sowie die Verschleppung und Ausbeutung von Zwangsarbeiterinnen – in den Blick.
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