Bis 1941 gehörte das Gebiet der heutigen Ukraine zu den wichtigsten Zentren des osteuropäischen Judentums. Mit rund 2,7 Millionen Menschen lebte dort die zweitgrößte jüdische Bevölkerung in Europa, die eine vielfältige kulturelle, sprachliche und religiöse Landschaft geschaffen hatte. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 markierte den Beginn des Holocaust auf sowjetischem Boden, dem in der Ukraine etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden zum Opfer fielen. Ein Großteil von ihnen wurde nicht in Vernichtungslager deportiert, sondern in Massenerschießungen in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnorte ermordet („Holocaust by bullets“). Das genaue Verbrechensgeschehen hing davon ab, wann deutsche Einheiten einen Ort erreichten und ob er sich in der Folgezeit unter deutscher, rumänischer oder ungarischer Besatzung befand. Eine Überlebenschance hatten diejenigen, die rechtzeitig weiter in den östlichen, nicht besetzten Teil der Sowjetunion geflüchtet waren, nach Zentralasien „evakuiert“ wurden oder den Krieg als Soldaten der Roten Armee überstanden hatten. Neben der spezifischen Gewalt gegen Jüdinnen und Juden waren auch Sinti und Romnja, Teile der nichtjüdischen Zivilbevölkerung sowie Kriegsgefangene von (systematischen) Ermordungen betroffen. Diese dauerten bis zur Befreiung durch die Rote Armee zwischen Ende 1943 und Anfang 1945 an.
Die (jüdische) Geschichte der heutigen Ukraine vor 1941 ist vielfältig, komplex und gewaltvoll: Die Regionen Galizien und Wolhynien gehörten nach dem Ersten Weltkrieg zum neugeschaffenen Polen, die Zentral- und Ostukraine zur Sowjetunion. Die meisten Jüdinnen und Juden lebten in den Gebieten, die Teil des historischen Ansiedlungsrayons im russischen Zarenreich waren, in dem sie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts niederlassen mussten. In der Westukraine kam es im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts immer wieder zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung, denen schätzungsweise mindestens 60.000 Menschen zum Opfer fielen. Angesichts des grassierenden Antisemitismus und der schlechten ökonomischen Bedingungen entschlossen sich viele Jüdinnen und Juden zur Auswanderung, u. a. in die USA und ins britische Mandatsgebiet Palästina. Viele verließen Europa über die norddeutschen Häfen.
Seit dem Ende der 1920er Jahre versuchte der sowjetische Diktator Josef Stalin, seine Herrschaft gewaltsam durchzusetzen. Von der Verfolgung, Deportation und Ermordung zehntausender Menschen war auch die jüdische Bevölkerung betroffen. Gleiches gilt für die große, durch Stalins Kollektivierungspolitik verursachte Hungersnot 1932/33 (Holodomor), infolgedessen mindestens 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine verhungerten. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen besetzte die Sowjetunion, wie im geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt („Hitler-Stalin-Pakt“) 1939 verabredet, die östliche Landeshälfte Polens. Einer unbekannten Zahl von polnischen Jüdinnen und Juden gelang es, aus den deutsch besetzten Gebieten in den sowjetischen Herrschaftsbereich in der heutigen Ukraine zu flüchten. All dies veränderte die jüdischen Gemeinden und Gemeinschaften grundlegend und wirkte sich auf jede(n) Einzelne(n) aus.
Der am 22. Juni 1941 entfesselte Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion erstreckte sich auf alle bis Ende 1941 von der Wehrmacht eroberten Gebiete – und damit auf die gesamte heutige Ukraine.1 Vielerorts plünderten und zerstörten deutsche Einheiten nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ ganze Dörfer und Städte und ermordeten ihre Bewohnerinnen und Bewohner.
Die einzigen Wege für Jüdinnen und Juden, der NS-Verfolgung (vorerst) zu entgehen, waren die Evakuierung nach Zentralasien und der Dienst in der Roten Armee. Mehrere hunderttausend Jüdinnen und Juden wurden bis Ende 1941 aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in die zentralasiatischen Sowjetrepubliken gebracht, vor allem nach Kasachstan und Usbekistan. Viele starben während der beschwerlichen, mehrwöchigen Bahnfahrt dorthin oder aufgrund der schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen vor Ort. In der Roten Armee kämpften etwa eine halbe Million jüdische Soldaten, von denen nur 300.000 den Fronteinsatz und die Kriegsgefangenschaft überlebten. Insgesamt gerieten 5,7 von 34,5 Millionen sowjetischen Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, 3,3 Millionen von ihnen wurden ermordet.
Vor allem in den westlichen, vormals polnischen Gebieten und in der Zentralukraine, die früh von NS-Deutschland besetzt und spät befreit wurden, hatten jüdische Verfolgte kaum Überlebenschancen. In den rumänisch besetzten Gebieten im Südwesten wurden sie in „Ghettos“ gesperrt, Hunger und Krankheiten ausgesetzt und vielerorts erschossen. In den von Ungarn kontrollierten Gebieten in den Karpaten wurden Jüdinnen und Juden auch verfolgt, aber zunächst nicht systematisch ermordet. Allerdings wiesen die Behörden diejenigen, die nicht die ungarische Staatsbürgerschaft besaßen, im Sommer 1941 in die von Deutschen besetzten Gebiete aus, wo sie sofort ermordet wurden. Viele fielen dem Massaker in Kamjanets-Podilskyj am 27. und 28. August 1941 zum Opfer, als deutsche Einheiten und ihre Helfer in zwei Tagen etwa 23.600 Menschen erschossen.2
Mit dem Vorrücken der Wehrmacht verschärften sich die Lebensbedingungen der jüdischen Bevölkerung nahezu sofort. An vielen Orten kam es zu pogromartigen Ausschreitungen durch die ansässige nichtjüdische Bevölkerung und zu Erschießungen jüdischer Männer durch Angehörige deutscher Einheiten. Zudem zwangen die Besatzer die jüdische Bevölkerung, eine Armbinde mit Davidstern zu tragen. Bereits im Sommer und Herbst 1941 richteten die deutschen Besatzer „Ghettos“ ein.
Sie befanden sich meist in den Vierteln oder Straßenzügen, in denen bereits zuvor viele Jüdinnen und Juden gelebt hatten; sie konnten „offen“ oder von Zäunen oder Mauern umschlossen sein. Bewacht wurden sie überwiegend von ukrainischen Hilfspolizisten, die Lebensbedingungen waren katastrophal. Eine unbekannte Zahl starb in diesen „Ghettos“ an Hunger, Kälte und Krankheiten. In manchen Orten wurden „Judenräte“ gebildet, die über eng gesetzte Möglichkeiten zur Selbstverwaltung verfügten und die antisemitischen Maßnahmen unterstützen mussten. Von Beginn der Besatzung an raubten die Deutschen die jüdische Bevölkerung aus und verpflichteten sie zur Zwangsarbeit. Viele wurden vor ihrer Ermordung mehrmals verschleppt und in höchstem Maße ausgebeutet.
Im Sommer 1941 begannen die systematischen Erschießungen von Jüdinnen und Juden in der Nähe ihrer Wohnorte in Gruben, auf Felder oder in Wäldern. Ende September erschossen deutsche Einheiten und ihre Helfer mehr als 33.700 Jüdinnen und Juden in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew, das als größtes Einzelmassaker des „Holocaust by bullets“ gilt. Die Verfolgten mussten sich an einem Ort sammeln und sich dann, meist zu Fuß, zur Ermordungsstätte begeben. Diejenigen, die zu fliehen versuchten, wurden getötet. Ihr Vermögen, ihre Kleidung und andere Besitztümer wurden geraubt. Die Mordaktionen führten Angehörige der Einsatzgruppen, der Sicherheitspolizei und des SD sowie der Bataillone der Ordnungspolizei, des Zolls und Einheiten der SS mit Unterstützung der Wehrmacht und von ukrainischen (Hilfs-)Polizisten durch.
An vielen Orten wurde die jüdische Bevölkerung im Rahmen eines Massakers getötet, oft bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1941, teilweise erst im Verlauf von 1942. Bis Mitte 1942 wurden zudem jüdische Verfolgte aus der Region Lwiw in das Vernichtungslager Belzec deportiert und mit Gas ermordet. Jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden zunächst am Leben gelassen, dann aber 1943/44 erschossen.
Trotz des unbedingten Vernichtungswillens der Nationalsozialisten gelang es Einzelnen immer wieder, den Selektionen zu entkommen oder die Erschießungen schwer verletzt zu überleben und, nachdem die Deutschen die Mordstätten verlassen hatten, aus den Gruben zu klettern. 1942/43 gab es mehrere bewaffnete Aufstände in Ghettos, die zwar von den Deutschen brutal beendet wurden, aber Einzelnen und Gruppen die Flucht ermöglichten. Manchen Geflüchteten gelang es in Verstecken und mit Hilfe nichtjüdischer Ukrainerinnen und Ukrainer bis zum Eintreffen der Roten Armee zu überleben. Andere konnten sich Partisaneneinheiten anzuschließen. Allerdings bemühten sich die Deutschen bis zu ihrem Abzug immer, entkommene Juden und Jüdinnen ausfindig zu machen und umzubringen, was ihnen in vielen Fällen auch gelang. Bereits im Januar 1942 hatte die SS mit Planungen begonnen, wie die Leichen der Ermordeten in den Massengräbern beseitigt und damit die Beweise für die Verbrechen vernichtet werden konnten. In der Ukraine mussten jüdische Zwangsarbeiter des „Sonderkommandos 1005“ Körper ab Mitte 1943 exhumieren und verbrennen. Anschließend wurden auch sie erschossen.
Die Überlieferung und das Wissen über den Holocaust in der Ukraine sind bis heute unvollständig. Die Namen der Opfer, der genaue Hergang ihrer Verfolgung und Ermordung und die beteiligten Täter sind nicht umfassend bekannt, vielmehr sind Ungenauigkeiten und widersprüchliche Angaben zu finden. Wie viele Tatorte es auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gibt, ist ebenfalls nicht genau zu beziffern. Schätzungen zufolge sind es zwischen 2.000 und 5.000 Orte, teilweise gab es in einem Dorf oder einer Stadt auch mehrere Ermordungsstätten. Die Organisation Yahad-In Unum hat über 1.300 Massengräber recherchiert. Seit der Unabhängigkeit haben außerdem Forschungs- und Erinnerungsinitiativen ihre Arbeit, die meist von jüdischen Organisationen getragen wird, aufgenommen. Trotzdem gibt es weiterhin viele Orte, die überwuchert, vermüllt oder vergessen sind.
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