Erinnerungen an den Holocaust in der Ukraine

Der Holocaust in der Ukraine ist in im kollektiven europäischen Gedächtnis kaum präsent. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben sich über die Jahrzehnte gewandelt. Neben den offiziellen Erinnerungskulturen standen jeweils die spezifischen Erinnerungen und Erzählungen der jüdischen Überlebenden und ihrer Nachkommen. Zuletzt lenkte der flächendeckende Angriff Russlands auf die Ukraine seit 2022 den Blick verstärkt auf die dort von NS-Deutschland begangenen Verbrechen, insbesondere den „Holocaust by bullets“.

Gedenkpolitik in der (post)sowjetischen Ukraine

Eine spezifische Erinnerung an die Shoah gab es in der sowjetischen Ukraine nicht. Vielmehr erschienen die Opfer als Teil einer kollektiven Leiderfahrung des sowjetischen Volkes im „Großen Vaterländischen Krieg“, der mit dem Sieg über Nazideutschland endete. Hinzu kam der stalinistische Antisemitismus, der seit dem Ende der 1940er Jahre massiv zunahm. Erst der Tod Josef Stalins 1953 schwächte die Verfolgung ab, antisemitische Vorurteile blieben jedoch vielfach bestehen. Das antifaschistische Narrativ spiegelte sich zum einen im offiziellen Gedenken wie am 9. Mai, dem „Tag des Sieges“ wider, zum anderen in den Denkmälern, die staatliche Stellen in den 1950er und 1960er Jahren unter anderem an Ermordungsstätten des Holocaust errichten ließen. Sie folgten der sowjetischen Ästhetik: Meist erinnerten Obelisken, die einen roten Stern und eine russische Inschrift trugen, an „friedliche Sowjetbürger“ und „Opfer des faschistischen Terrors“. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine eröffneten sich neue Erinnerungsräume. Die staatliche Erinnerungspolitik fokussierte fortan, wie auch die ukrainische Diaspora in Nordamerika, den ukrainischen Nationalismus. Der im Zweiten Weltkrieg ermordeten jüdischen Bevölkerung wurde (und wird) staatlicherseits kaum gedacht. Viele Tatorte des Holocaust sind nach wie vor überwuchert, vermüllt oder vergessen.

Jüdische Erinnerungen in der Ukraine

Im Unterschied zur nichtjüdischen Umgebungsgesellschaft bemühten sich jüdische Überlebende und ihre Nachkommen vielerorts – jenseits der sowjetischen Narrative über den „Großen Vaterländischen Krieg“ – an ihre ermordeten Angehörigen und zerstörten Gemeinden zu erinnern. Bereits unmittelbar nach Kriegsende errichteten zurückgekehrte Überlebende an vielen Orten kleine, provisorische Denkmäler, die jedoch heutzutage größtenteils nicht mehr existieren. Viele Ermordungsstätten und Massengräber blieben jedoch ungekennzeichnet und gerieten in Vergessenheit. In den folgenden Jahrzehnten schränkten der allgegenwärtige Antisemitismus, der sowjetische Atheismus und die enge behördliche Kontrolle Gedenkinitiativen von jüdischen Gemeinden und Einzelpersonen stark ein. Erinnern konnte nur im privaten Raum stattfinden. Oftmals war über das Schicksal von Angehörigen nur wenig bekannt und das Wissen über die Verbrechen nur bruchstückhaft vorhanden. Ende der 1980er Jahre, im Kontext von „Glasnost“ und „Perestroika“, nahm die staatliche Kontrolle ab, zeitgleich verließen immer mehr Jüdinnen und Juden das Land.

Einen erinnerungspolitischen Wendepunkt stellte die Unabhängigkeit der Ukraine 1991 dar. Seitdem ist die Erinnerung an den Holocaust möglich, jedoch nicht Teil der staatlichen Gedenkpolitik. Getragen wurde (und wird) sie stattdessen von jüdischen Gemeinden, Überlebenden und ihren Nachkommen, Organisationen aus dem Ausland, nichtjüdischen Privatpersonen und nichtstaatlichen Einrichtungen. Sie initiierten Gedenkveranstaltungen, errichteten neue Denkmäler, die in ihrer Form auf jüdische Symboliken zurückgreifen und hebräische und/oder ukrainische Inschriften enthielten, und finanzierten Forschungsinstitute und erinnerungskulturelle Projekte.

Gedenkpolitik in der DDR und der BRD

Auch in Deutschland hatte der Holocaust in der Sowjetunion und der Ukraine lange keinen Platz in der offiziellen Erinnerungskultur. Dies ist nicht zuletzt auf den „Kalten Krieg“ und die unterschiedlichen Positionierungen der beiden deutschen Staaten zurückzuführen:

  1. Die DDR begriff sich generell als antifaschistisch und orientierte sich auch in Fragen des Gedenkens an der Sowjetunion. Jüdische Verfolgte und Ermordete wurden nicht als Opfer der Shoah, sondern als „Opfer des Naziregimes“ und „des Faschismus“ betrachtet. Jedoch wurde der Holocaust als Verbrechenskomplex weniger tabuisiert als in der Sowjetunion, sodass es in Ostdeutschland durchaus möglich war, Erinnerungszeichen für die zerstörten Gemeinden und die jüdischen Gefangenen in Konzentrationslagern zu errichten.
  2. In der Bundesrepublik hingegen verschwand der „Holocaust by bullets“ im „Kalten Krieg“ hinter dem „Eisernen Vorhang“ und einer anderen Holocaust-Erinnerung, die seit den 1980er Jahren etabliert wurde. Darin standen (und stehen) die als jüdisch Verfolgten aus Deutschland und Westeuropa sowie ihre Deportation und Ermordung in Vernichtungslager im Vordergrund. „Auschwitz“ wurde zum zentralen Symbol der Shoah. Besonders prägend sind auch die Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig seit 1996 verlegt.

Jüdische Erinnerungen

In der Bundesrepublik setzten sich die wenigen nach dem Krieg wiedergegründeten jüdischen Gemeinden größtenteils aus deutsch-jüdischen Überlebenden sowie aus osteuropäisch-jüdischen ehemaligen Displaced Persons (DPs) zusammen. Sie stammten mehrheitlich aus Polen und fanden sich hierzulande wieder. Das Gedenken an ermordete Angehörige, Freunde und Bekannte, die größtenteils deportiert und in Vernichtungslager ermordet wurden, fand in der Familie und der jüdischen Gemeinschaft statt. Gegenüber der Tätergesellschaft gab es große Vorbehalte. Gleiches gilt, wenn auch unter anderen erinnerungspolitischen Vorzeichen, für die DDR, wo es eine winzige jüdische Gemeinschaft gab.

Grenzüberschreitende (jüdische) Erinnerungen

Mit dem Ende des „Kalten Krieges“, dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und der Öffnung der Archive weitete sich der Blick aus Deutschland nach Osten ein wenig. 1995 bis 1999 bzw. 2001 bis 2004 informierten die Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung mit großer Breitenwirkung über den deutschen Vernichtungskrieg in Polen und der Sowjetunion. Zeitgleich wanderten etwa 200.000 Menschen als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland ein, die eine andere Erzählung über den „Großen Vaterländischen Krieg“ mitbrachten. Dies wirkte sich zunächst vor allem innerhalb der jüdischen Gemeinde und Gemeinschaften aus: So wurden beispielsweise Gedenkveranstaltungen am 9. Mai initiiert, mit der Generationenfolge pluralisierte sich die Erinnerung. Seit dem 24. Februar 2022, dem flächendeckenden Angriffs Russlands auf die Ukraine, richtet auch die nichtjüdische Umgebungsgesellschaft hierzulande den Blick verstärkt auf die NS-Verbrechen und den Holocaust in der Ukraine. Am 29. Januar 2025 sprach mit Roman Schwarzman aus Odessa erstmals ein jüdisch-ukrainischer Holocaust-Überlebender bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.

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Weiterführende Literatur

  • Davies, Franziska, Der „vergessene Osten“. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion und die blinden Flecken der deutschen Erinnerung, in: Zimmerer, Jürgen (Hg.), Erinnerungskämpfe. Neues deutsches Geschichtsbewusstsein, Ditzingen/Stuttgart 2023, S. 175-200.
  • Zarusky, Jürgen/Steinbacher, Sybille (Hg.), Der deutsch-sowjetische Krieg 1941-1945. Geschichte und Erinnerung, Göttingen 2020.
  • Davis, Franziska/Makhotina, Katja, Offene Wunden Osteuropas. Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs, Darmstadt 2022.
  • Bartov, Omer, Anatomie eines Genozids. Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz, Berlin 2021.
  • Safran Foer, Esther, Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind, Köln 2020.
  • Zeltser, Arkadi, Unwelcome Memory. Holocaust Monuments in the Soviet Union, Jerusalem 2019.
  • Babyn Jar. Der Ort, die Tat und die Erinnerung, Osteuropa, 71 (2021), H. 1/2.
  • Walther, Alexander, Die Shoah und die DDR. Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus, Göttingen 2025.