Jüdischsein in der (post)sowjetischen Ukraine

Nur wenige sowjetische Jüdinnen und Juden entkamen der Mordmaschinerie der Deutschen und ihrer Helfer, sei es in Verstecken, bei Partisanen, im Dienst der Roten Armee oder (größtenteils) in der Evakuierung. Als sie 1945 zurückkehrten, standen sie, nicht selten allein, vor den Trümmern ihrer Existenz. Nach dem Krieg wurden nur wenige Gemeinden, meist in den großen Städten, wieder gegründet. Sie waren gezwungen, ebenso wie andere Religionsgemeinschaften, sich bei staatlichen Behörden registrieren zu lassen, die wiederum ihre Arbeit überwachten und gegebenenfalls beschränkten oder verboten. Ab dem Ende der 1940er Jahre nahm der stalinistische Antisemitismus massiv zu: Jüdische Kultureinrichtungen wurden aufgelöst, es gab mehrere öffentliche, aggressiv geführte antisemitische, antizionistische und verschwörungstheoretische Kampagnen sowie Denunziationen, Verfolgungen, Verhaftungen und Hinrichtungen von Jüdinnen und Juden; viele wurden in Lager nach Sibirien verschleppt. Erst der Tod Josef Stalins 1953 schwächte die Verfolgung ab. Antisemitische Vorurteile und ein Klima der Angst blieben jedoch vielfach bestehen.

Die Sowjetunion verstand sich als säkularer Staat. Nur in größeren Städten gab es nach wie vor kleine jüdische Gemeinden und Reste einer religiös-jüdischen Infrastruktur. Mit „Sovetish heymland“ erschien zwischen 1961 und 1991 noch eine jiddischsprachige Zeitschrift. Gebräuche, Traditionen und religiöses Wissen wurden in den privaten Raum verlagert. Vielfach gingen sie jedoch mit der Zeit verloren. Bereits im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion und nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 engagierten sich verstärkt international tätige jüdische Organisationen vor Ort.

Sie halfen, die Auswanderung (insbesondere) nach Israel vorzubereiten und streb(t)en zugleich danach, das jüdische Leben in der Ukraine neu zu beleben. Heute finden sich vor allem in den urbanen Zentren neu gebaute oder restaurierte Synagogen, wiedergegründete Gemeinden, Schulen und Kulturzentren, in denen die zerstörte, lokale jüdische Geschichte zugänglich gemacht wird und kulturelle Traditionen der Literatur und der jiddischen Sprache wieder entdeckt werden.

Bildunterschrift

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Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, gab es in der Ukraine nur wenige jüdische Gemeinden. Durch jüdische Initiativen von außen gelang es, die bestehenden neu zu beleben und neue zu gründen. Besonderes Engagement zeigte die aus den USA stammende orthodoxe Bewegung Chabad Lubawitsch. Sie hat in den zurückliegenden drei Jahrzehnten Gemeinden und Zentren aufgebaut und eine jüdische Infrastruktur entwickelt, zu der beispielsweise Kindergärten, Talmudschulen und koschere Lebensmittelläden gehören. Viele Jüdinnen und Juden kamen infolgedessen erstmals mit Traditionen, Gebräuchen und der Religion in Berührung.

Antisemitismus war in Teilen der ukrainischen Nachkriegsgesellschaft tief verwurzelt. Nicht selten hatten Ukrainerinnen und Ukrainer von der Ermordung ihrer jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn profitiert oder sich beteiligt. Hinzu kam die antisemitische Politik und Verfolgung in der Nachkriegszeitzeit. Diskriminierungen, wie beispielweise am Arbeitsplatz und bei der Vergabe von Studienplätzen, sowie ein Klima der Angst blieben vielfach darüber hinaus bestehen, sodass viele ihr Jüdischsein verschwiegen.

Mit * gekennzeichnete Namen sind Pseudonyme.