Migrationswege

Ein Großteil der Jüdinnen und Juden, die heute in Deutschland leben, stammen aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. Etwa die Hälfte von ihnen haben Wurzeln in der heutigen Ukraine.

Die Auswanderung aus der Sowjetunion wurde erst nach 1985 im Zuge der Politik der Perestroika möglich. Die Zahl der Ausreisewilligen nahm zu, insbesondere nach dem Zerfall der UdSSR 1991. Auch Juden und Jüdinnen sowie deutsche (Spät-)Aussiedler wollten die ehemalige Sowjetunion verlassen. Politische, wirtschaftliche und soziale Unsicherheiten sowie zunehmender Antisemitismus führten schließlich zur Ausreise von etwa 1,5 Millionen Juden und Jüdinnen. Ca. 1 Millionen von ihnen gingen nach Israel, weitere 300.000 in die USA. 220.000 Juden und Jüdinnen zogen mit ihren (nicht)jüdischen Familienangehörigen nach Deutschland.

Ausgelöst/Ermöglicht wurde die jüdische Einwanderung durch die Initiative von Mitgliedern des oppositionellen „Runden Tischs“ in der DDR nach dem Fall der Mauer 1989. Im Januar 1991 beschloss die erste gesamtdeutsche Ministerpräsidentenkonferenz das Aufnahmeverfahren für jüdische Kontingentflüchtlinge. Einreisen konnten Jüdinnen und Juden sowie ihre (auch nichtjüdischen) Ehepartner und minderjährigen Kinder. Sie erhielten eine unbegrenzte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, ein Anrecht auf soziale Leistungen, Sprachunterricht und auf die Beantragung der deutschen Staatsangehörigkeit nach acht Jahren.

Das entscheidende Kriterium für die Aufnahme bildete der Nachweis einer jüdischen Herkunft. Das Recht auf Einreise hatten zum einen diejenigen, die eine jüdische Mutter haben und daher laut dem Religionsgesetz (Halacha) jüdisch sind. Zum anderen gültig war auch die sowjetische Nationalität, die über den Vater weitergegeben wurde und im Pass als еврей (jewrei) vermerkt war. Somit wanderten viele, geschätzt bis zu fünfzig Prozent, als jüdische Kontingentflüchtlinge ein, die nach der Halacha nichtjüdisch sind und daher nicht Mitglied in einer jüdischen Gemeinde werden konnten. Das Aufnahmeverfahren endete 2005 mit der Verabschiedung des ersten Zuwanderungsgesetzes.

Daneben gab und gibt es weitere Migrationswege: Einige wanderten zunächst nach Israel aus und zogen dann weiter nach Deutschland, andere kamen wegen der Liebe, der Ausbildung oder der Arbeit hierher. Zudem sind viele ukrainische Jüdinnen und Juden seit dem flächendeckenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine 2022 nach Deutschland geflüchtet.

Geburtsurkunde von Jankel/Jakob, dem Urgroßvater von Kristina Omelchenko, mit dem Eintrag еврей (jewrei) als Nationalität, 1957.

Broschüre des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), 2022, IGdJ-Bibliothek, SIGNATUR, Foto: Jana Matthies.

Mit dem Aufnahmeverfahren für jüdische Kontingentflüchtlinge reagierte die deutsche Politik auf die prekären Lebensbedingungen und den Antisemitismus in der zerfallenden Sowjetunion und unterstrich die deutsche Verantwortung für den Holocaust. Das Verfahren ermöglichte, zeitnah und als Familie ausreisen zu können. Vielen Jüdinnen und Juden fiel die Entscheidung jedoch schwer, nach Deutschland auszuwandern. Nach ihrer Ankunft wurden die Eingewanderten auf Bundesländer und Kommunen verteilt. Es begann ein Leben in Sammelunterkünften, die Suche nach Arbeit und der komplizierte Anerkennungsprozess von mitgebrachten Bildungstiteln.

„Und Deutschland hat uns sehr eingeladen, und es war damals umsonst. Also sind wir gegangen.“

Svitlana Gofshteyhn über die Wirtschaftskrise, Tschernobyl und ihr Deutschlandbild

„Und dann hat sich Deutschland geöffnet. In den 90er Jahren.“

Irina Kanewski über Sprachkenntnisse und Aufnahmechancen in Deutschland

„Also Deutschland, ganz ehrlich, stand für uns gar nicht zur Debatte ...“

Milena Tamke-Blumenthal* über die Perestrojka in Czernowitz und das Ankommen in Deutschland

„Also das war auch eigentlich total zufällig, dass wir hier gelandet sind …“

Katarina Vasileva* über den Faktor Zufall in der Auswanderung ihrer Familie aus Mogilew-Podilskyjd

„Da gab es auch ein Programm für Auswanderung von Juden nach Deutschland. Und ich habe mich da angemeldet.“

Aleksej Zhuravlyov* über seinen Lebens- und Arbeitsweg in der Ukraine und Deutschland

„Unter dem Motto, lass uns hinkommen und mal schauen, also kamen wir hierher …“

Friedrich Zolotkowskyj über Antisemitismus und Auswanderungschancen

Nicht alle Jüdinnen und Juden aus der Ukraine und der Sowjetunion kamen als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Ebenso gab und gibt es seit den 1990er Jahren Transit-, Arbeits-, Bildungs- und Heiratsmigrationen. Auf wie viele Personen dies zutrifft, lässt sich nicht schätzen.

Der flächendeckende Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 löste eine massenhafte Flucht aus. Fast eineinhalb Millionen Menschen sind seitdem nach Deutschland geflüchtet, unter ihnen auch eine größere Anzahl Jüdinnen und Juden. Anders als die Ausreise in den 1990er Jahren, die zumeist über einen längeren Zeitraum vorbereitet wurde, mussten sie plötzlich und unerwartet aufbrechen. In aller Eile wurden die wichtigsten Dinge zusammengepackt und sichere Wege außer Landes gesucht. Neben familiären Netzwerken übernahmen die jüdischen Gemeinden eine wichtige Rolle bei der Organisation der Flucht.

Mit * gekennzeichnete Namen sind Pseudonyme.